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Biohacking 10 Min. LesezeitVeröffentlicht am 9. August 2023 · Aktualisiert am 18. Juli 2026

Biohacking-Trends: Was die Forschung hergibt und was Hype ist

Biohacking-Trends: Was die Forschung hergibt und was Hype ist

Kaum ein Feld verspricht so viel wie das Biohacking. Ein Ring am Finger soll den Schlaf entschlüsseln, ein Sensor am Arm die perfekte Ernährung verraten, eine Pille das Altern verlangsamen. Die Geräte werden teurer, die Versprechen größer — und der Leser bleibt mit der Frage zurück, was davon eigentlich stimmt.

Ich habe die bekanntesten Trends durch dieselbe Brille geprüft: Was sagen kontrollierte Studien am Menschen? Das Ergebnis lässt sich in drei Körbe sortieren — belegt, dünn, und überwiegend Hype. Ein Muster zieht sich durch: Je lauter ein Trend beworben wird, desto leiser ist meist die Evidenz.

Was Biohacking eigentlich meint

Biohacking ist erst einmal nur ein modernes Wort für eine alte Idee: den eigenen Körper messen, verstehen und gezielt beeinflussen. Das reicht vom simplen Schrittzähler bis zur Nahrungsergänzung, die das Altern aufhalten soll. Nichts davon ist per se unseriös — entscheidend ist allein, ob hinter dem Versprechen eine belastbare Studie steht oder nur eine gute Geschichte. Genau danach sortiere ich im Folgenden. Eine Regel leitet mich dabei: Nicht jede fehlende Studie bedeutet, dass etwas nicht wirkt — manches ist schlicht noch nicht gut untersucht. Umgekehrt ist ein teures Gerät mit einer schönen Geschichte noch lange kein Beweis. Zwischen diesen beiden Fehlern versuche ich hier zu navigieren.

Korb 1: Wo es sich lohnt

Beginnen wir mit dem, was hält:

  • Wearables messen die Herzfrequenz erstaunlich zuverlässig — eine Auswertung über 24 Übersichtsarbeiten mit rund 430.000 Menschen fand einen mittleren Fehler von nur drei Prozent gegenüber dem medizinischen Referenzgerät.1
  • Auch die Schrittzählung ist bei normalem Gehtempo brauchbar (etwa sieben Prozent Abweichung, die besten Geräte darunter), solange Sie wissen, wo Sie das Gerät tragen: am Handgelenk ist es deutlich ungenauer als in der Hosentasche, und bei sehr langsamem Schlendern liegt es bis zu 40 Prozent daneben.2

Für die alltägliche Orientierung reicht das allemal.

Bei den Nahrungsergänzungen gibt es einen klaren Gewinner: die Kombination aus Koffein und L-Theanin, dem Wirkstoff aus grünem Tee. Eine Meta-Analyse an gesunden Menschen fand einen kleinen, aber statistisch abgesicherten Effekt auf die Aufmerksamkeit.3 Klein heißt hier: spürbar, aber kein anderer Mensch. Ehrlicher als jede Wunderpille ist genau diese Einordnung.

Kreatin, sonst als Muskel-Supplement bekannt, zeigt auch fürs Gehirn einen Effekt — allerdings mit einem interessanten Haken: In einer Meta-Analyse verbesserte es das Gedächtnis vor allem bei älteren Menschen zwischen 66 und 76 Jahren, bei jüngeren (die Studien reichten von 11 bis 31 Jahren) zeigte sich nichts.4 Und eine große, besonders strenge Einzelstudie mit 123 Teilnehmern fand kaum einen Effekt, dafür mehr Nebenwirkungen als unter Placebo.5 Für Menschen jenseits der 40 ist Kreatin also einen Versuch wert — mit gedämpften Erwartungen. Dieses Beispiel zeigt, worauf es bei fast jedem Trend ankommt: die Zielgruppe. Was bei einem 70-Jährigen einen messbaren Unterschied macht, muss bei einem 30-Jährigen noch lange nichts bewirken — dieselbe Substanz, zwei völlig verschiedene Antworten. Wer eine Schlagzeile über ein Supplement liest, sollte deshalb immer zuerst fragen, an wem es überhaupt untersucht wurde.

Korb 2: Vielversprechend, aber noch unsicher

Der zweite Korb ist der ehrlichste — hier gibt es erste Signale, aber noch keine Sicherheit. Beim Schlaf-Tracking ist die Bilanz besser, als Skeptiker behaupten: Die neueste Auswertung gegen das Schlaflabor fand für moderne Ringe wie den Oura keinen bedeutsamen Unterschied — weder bei der Gesamtschlafzeit noch bei den einzelnen Schlafphasen.6 Für ein Gerät am Finger ist das bemerkenswert. Trotzdem gilt: Die Gesamtschlafzeit wird im Schnitt etwas überschätzt1, und ein Tracker allein verbessert Ihren Schlaf nicht — über 45 Studien hinweg steigerten Fitness-Tracker zwar die Bewegung, die Schlafdauer aber nicht messbar.7 Bei manchen geht das Tracking sogar nach hinten los: Eine Studie beobachtet bei Tracker-Nutzern gehäuft eine Fixierung auf den Score, die mit schlechterem Schlaferleben einhergeht — Schlafmediziner nennen das Orthosomnie.8 Der eigentliche Wert liegt deshalb nicht im Ergebnis einer einzelnen Nacht, sondern im Muster über Wochen — und darin, die Daten einordnen zu lassen, statt sich von ihnen treiben zu lassen. Wie wirken Alkohol, spätes Essen oder Training auf Ihren Schlaf? Genau diese Trends macht ein Tracker sichtbar.

Bei den Longevity-Molekülen sticht NMN heraus, ein NAD+-Vorläufer. Eine Meta-Analyse aus zehn Studien fand eine leichte Senkung des diastolischen Blutdrucks um gut zwei Millimeter Quecksilbersäule9 — real, aber klein, und die Autoren nennen ihre eigene Evidenz ausdrücklich vorläufig. Resveratrol, das Molekül aus dem Rotwein, zeigt in einer Dachübersicht über 45 Studien nur in eng umrissenen Gruppen einen sicheren Nutzen:

  • beim Taillenumfang
  • beim Cholesterin von Übergewichtigen
  • beim Blutdruck von Typ-2-Diabetikern.10

Für den gesunden Menschen, der jung bleiben will, ist das kein Beleg.

Korb 3: Überwiegend Hype

Der dritte Korb ist der teuerste — und der am schlechtesten belegte. Fangen wir bei den Wearables an, dort wo sie versagen: dem Kalorienverbrauch. Das ist die unzuverlässigste Zahl überhaupt, mit einer Fehlerspanne von minus 21 bis plus 15 Prozent.1 Beim schnellen Laufen unterschätzt etwa der Oura-Ring den Verbrauch zunehmend, je intensiver die Belastung wird.11 Wer seine Ernährung an dieser Zahl ausrichtet, rechnet mit einer Fantasiezahl.

Noch teurer und noch dünner belegt ist die kontinuierliche Blutzuckermessung für Gesunde — jener Sensor am Oberarm, der rund um die Uhr den Glukosespiegel anzeigt. Zwei Übersichtsarbeiten aus dem Jahr 2025 zeigen, dass die Datenlage für Menschen ohne Diabetes noch dünn und vorläufig ist und sich vor allem um Herz-Kreislauf-Marker dreht.1213 Dass der Sensor einem gesunden Menschen beim Abnehmen oder bei der Ernährung hilft, ist bislang durch keine Studie belegt. Die gern zitierte Studie, dass jeder Mensch anders auf dieselbe Mahlzeit reagiert, stammt aus einem Forschungsprogramm, das mit einem kommerziellen Anbieter solcher Produkte verbunden ist — sie zeigt nur, dass es Unterschiede gibt, nicht dass das Tracken etwas verbessert.14

Bei den Nootropika jenseits von Koffein und L-Theanin wird die Lage schnell dünn: Eine Netzwerk-Analyse verglich 19 verschiedene pflanzliche Extrakte, wie sie in Brain-Booster-Kapseln stecken — kein einziger schlug das Placebo bei der Aufmerksamkeit.15 Einzelne Extrakte zeigten zwar Signale bei Gedächtnis oder Denkflexibilität, doch die stützen sich je auf nur ein bis zwei kleine Studien und sind entsprechend wacklig. Für die meisten Brain-Booster gilt: viel Versprechen, wenig Beleg.

Die Anti-Aging-Supplemente versprechen am meisten und liefern am wenigsten. NMN und sein Verwandter NR bringen für den Muskel nichts: keine Wirkung auf Muskelmasse, Griffkraft oder Gehtempo bei über 60-Jährigen.16 Zwar steigt der NAD+-Spiegel im Blut — aber das ist ein Laborwert, kein Nutzen, und die Studie dazu stammt von einem Lebensmittelkonzern, der solche Produkte verkauft.17 Das Molekül Spermidin zeigt am klarsten, wie ein Longevity-Versprechen entsteht und wieder zerplatzt: Ein kleiner Pilotversuch von 2018 fand einen Gedächtnis-Effekt bei älteren Menschen18 — die größere, sorgfältiger angelegte Folgestudie von 2022 mit 100 Teilnehmern über ein Jahr fand ihn nicht mehr.19 Genau so trennt sich Forschung von Wunsch. Der rote Faden hinter fast allen Longevity-Versprechen ist derselbe: Gemessen wird meist nur ein Laborwert — ein steigender NAD+-Spiegel, ein aktiveres Enzym —, nicht das, worauf es eigentlich ankäme, nämlich ein längeres oder gesünderes Leben. Ob dieser Laborwert am Ende wirklich etwas bringt, ist damit noch gar nicht gesagt.

Bleibt die Frequenz- und Magnetfeldtherapie. Selbst dort, wo sie medizinisch untersucht ist, bleibt sie dünn:

  • Für frische Knochenbrüche stützt eine Übersichtsarbeit die pulsierenden Magnetfelder nicht.20
  • Bei Kniearthrose fand eine Meta-Analyse nur kleine Effekte, deren klinische Bedeutung die Autoren selbst bezweifeln.21
  • Eine Studie zur beworbenen Leistungssteigerung bei Ausdauersportlern fand ebenfalls nichts.22

Für die konsumentennahen „Frequenzgeräte" gegen Stress existiert überhaupt keine belastbare Studie — und ein fehlender Beleg ist bei einem Gerät, das Geld kostet, selbst eine Aussage.

Wie Sie einen Trend selbst prüfen

Sie müssen nicht jede Studie lesen, um Hype zu erkennen. Drei Fragen genügen meistens:

  • Erstens: Gibt es Studien am Menschen — oder wird mit Mäusen und Zellkulturen argumentiert? Sehr viele Longevity-Versprechen stützen sich auf Tierdaten, die am Menschen nie bestätigt wurden.
  • Zweitens: Wird ein echter Nutzen gemessen oder nur ein Laborwert? „Erhöht den NAD+-Spiegel" klingt gut, sagt aber nichts darüber, ob Sie länger oder gesünder leben.
  • Drittens: Wer hat die Studie bezahlt? Wenn der Hersteller sein eigenes Produkt prüft, ist Vorsicht geboten.

Diese drei Fragen sortieren die meisten Trends von allein in den richtigen Korb. Machen wir die Probe an einem beliebigen Anti-Aging-Präparat. Erste Frage: Gibt es Studien am Menschen, oder wird mit Mäusen argumentiert? Zweite Frage: Wird ein echter Nutzen gemessen — oder nur, dass ein Blutwert steigt? Dritte Frage: Wer hat die Studie bezahlt, ein unabhängiges Institut oder der Hersteller selbst? Bei den Anti-Aging-Molekülen aus diesem Text ist die erste Frage sogar mit Ja zu beantworten — Studien am Menschen gibt es. Sie scheitern dann aber meist an der zweiten Frage — mal wird nur ein Laborwert gemessen, mal verschwindet ein anfänglicher Nutzen in der größeren, sorgfältigeren Studie —, und im Fall des NAD+-Präparats zusätzlich an der dritten, weil der Hersteller die Studie mitfinanziert hat. Sie brauchen dafür keinen Doktortitel und keine Fachzeitschrift — nur die Bereitschaft, einen Moment hinter das bunte Etikett zu schauen, bevor Sie Geld ausgeben.

Das Fazit

Biohacking ist weder Zauberei noch Betrug — es ist ein Feld, in dem ein paar solide Werkzeuge in einem Meer aus Marketing schwimmen. Die verlässlichsten Dinge sind unspektakulär und meist günstig: die Herzfrequenz im Blick behalten, den Schlaf grob einordnen, mit Koffein und L-Theanin die Konzentration stützen. Die teuren Versprechen — Dauerglukose für Gesunde, Anti-Aging-Pillen, Frequenzgeräte — halten der Prüfung bislang nicht stand. Sparen Sie Ihr Geld für das, was belegt ist, und behandeln Sie den Rest als das, was er ist: ein Experiment auf eigene Kosten.

Dieser Artikel dient der Information und ersetzt keine ärztliche Beratung oder Behandlung. Bei gesundheitlichen Beschwerden oder Vorerkrankungen wenden Sie sich an Ihre Ärztin oder Ihren Arzt.

Quellen & Studien

  1. 1Doherty C, Baldwin M, Keogh A, Caulfield B, Argent R. An umbrella review of the accuracy of wearable devices (heart rate, energy expenditure, sleep, steps). Sports Medicine. 2024.
  2. 2Mora-Gonzalez J, Gould ZR, Moore CC, et al. Validity of consumer-based step counting across walking speeds and wear locations. International Journal of Behavioral Nutrition and Physical Activity. 2022;19(1):116.
  3. 3Payne ER, Aceves-Martins M, Dubost J, Greyling A, de Roos B. L-theanine and caffeine on cognition and mood in healthy adults: a systematic review and meta-analysis. Nutrition Reviews. 2025.
  4. 4Prokopidis K, Giannos P, Triantafyllidis KK, et al. Effects of creatine supplementation on memory in healthy individuals: a systematic review and meta-analysis. Nutrition Reviews. 2023;81(4):416-427.
  5. 5Sandkühler JF, Kersting X, Faust A, et al. The effects of creatine supplementation on cognitive performance — a randomised controlled study (n=123). BMC Medicine. 2023;21(1):440.
  6. 6Khan S, Ibrahim AF, Vasudevan SS, et al. Accuracy of the Oura Ring for sleep staging versus polysomnography/actigraphy: a meta-analysis. OTO Open. 2025.
  7. 7Wang W, Huang C, Shen Y, Cheng J, Wang L. Effects of Fitbit-based interventions on physical activity, sedentary behaviour and sleep: a meta-analysis of 45 RCTs. Inquiry. 2026.
  8. 8Jahrami H, Trabelsi K, Husain W, et al. Prevalence of orthosomnia associated with sleep-tracking devices: a cross-sectional study. Brain Sciences. 2024;14(11):1123.
  9. 9Zhang M, Chen Y, Jiang N, et al. Effect of nicotinamide mononucleotide (NMN) supplementation on blood pressure: a meta-analysis of 10 RCTs. Nutrients. 2026;18(6):890.
  10. 10Sun JN, Yang R, Fang L, et al. Resveratrol supplementation and health outcomes: an umbrella review of 45 meta-analyses of randomised trials. Nutrition Journal. 2026;25(1):19.
  11. 11Kristiansson E, Fridolfsson J, Arvidsson D, et al. Validation of Oura Ring energy expenditure against indirect calorimetry and reference monitors. BMC Medical Research Methodology. 2023;23(1):50.
  12. 12Ahmed N, Elzein Ali MF, et al. Continuous glucose monitoring in non-diabetic populations: a systematic review. Cureus. 2025.
  13. 13Continuous glucose monitoring in individuals without diabetes and cardiovascular outcomes: a systematic review. Sensors (Basel). 2025;25(1):187.
  14. 14Berry SE, Valdes AM, Drew DA, et al. Human postprandial responses to food and potential for precision nutrition (PREDICT 1). Nature Medicine. 2020;26(6):964-973. (Interessenkonflikt: mit dem Anbieter ZOE verbunden.)
  15. 15Wang ZY, Deng YL, Zhou TY, Liu Y, Cao Y. Natural botanical extracts for cognitive enhancement in healthy adults: a network meta-analysis of 27 RCTs. Frontiers in Pharmacology. 2025;16:1573034.
  16. 16Prokopidis K, Moriarty F, Bahat G, et al. NMN and NR supplementation and muscle mass/function in adults over 60: a systematic review and meta-analysis. Journal of Cachexia, Sarcopenia and Muscle. 2025.
  17. 17Christen S, Redeuil K, Goulet L, et al. NR and NMN increase circulating NAD+ in healthy adults over 14 days. Nature Metabolism. 2026. (Interessenkonflikt: Autor:innen bei Nestlé Research.)
  18. 18Wirth M, Benson G, Schwarz C, et al. The effect of spermidine on memory performance in older adults with subjective cognitive decline (pilot RCT, n=30). Cortex. 2018;109:181-188.
  19. 19Schwarz C, Benson GS, Horn N, et al. Effects of spermidine supplementation on cognition and biomarkers in older adults with subjective cognitive decline (SmartAge, RCT, n=100, 12 months). JAMA Network Open. 2022;5(5):e2213875.
  20. 20Picelli A, Di Censo R, Tomasello S, et al. Pulsed electromagnetic fields for acute bone healing: a systematic review update. European Journal of Physical and Rehabilitation Medicine. 2024.
  21. 21Chang YS, Lin CY, Huang WC. Pulsed electromagnetic field therapy for knee osteoarthritis: a meta-analysis of 9 RCTs. Medicina (Kaunas). 2026;62(4):677.
  22. 22Tamulevicius N, Wadhi T, Oviedo GR, et al. Effect of pulsed electromagnetic field therapy on aerobic performance: a randomised pilot study. International Journal of Environmental Research and Public Health. 2021;18(14):7691.
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